Unser Leben ist geprägt von vielen Routinen, die uns den Alltag erleichtern. Sie verschaffen uns Struktur und Ordnung, sind bereits etabliert und benötigen daher nur geringe Aufmerksamkeit.

Auch Rituale sind etablierte Handlungen, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass sie unserer volle Aufmerksamkeit bedürfen, wenn sie ihre volle Wirkung entfalten sollen.

Im Yoga helfen mir Rituale, um bei mir und meiner Yogamatte anzukommen. Das “Om” am Anfang und Ende der Stunde, Anfangs- und Endentspannung, die abschließende Umkehrhaltung – viele Kleinigkeiten tragen im Yoga dazu bei, dass wir uns besser mit uns selbst verbinden können.

Und auch im Alltag versuche ich, mithilfe von Ritualen immer wieder zu mir selbst zu kommen und mich, meine Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen.

Meine tägliche bunt gestreifte Tasse mit frisch aufgegossenem grünen Tee am Morgen, wärmt meinen Körper und weckt mein Gehirn sanft auf.

Bei der wöchentlichen Yogaausbildung kann ich tiefer in Themen, die mich wirklich interessieren, einsteigen und intensiv Yoga praktizieren.

Und beim Lesen des monatlichen Gedichts aus dem Gedichtzyklus “Die dreizehn Monate” von Erich Kästner, was ich schon seit ein paar Jahren lese, nehme ich mir Zeit für mich, zum Reflektieren und Träumen.

Der Juni – Erich Kästner

Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.

Kaum schrieb man sechs Gedichte,

ist schon ein halbes Jahr herum

und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,

die süßen wie die sauern.

Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,

so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.

Aus Herrlichkeit wird Nahrung.

Aus manchem, was das Herz erfuhr,

wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird und war. Es war und wird.

Aus Kälbern werden Rinder

und, weil’s zur Jahreszeit gehört,

aus Küssen kleine Kinder.

Die Vögel füttern ihre Brut

und singen nur noch selten.

So ist’s bestellt in unsrer Welt,

der besten aller Welten.

Spät tritt der Abend in den Park,

mit Sternen auf der Weste.

Glühwürmchen ziehn mit Lampions

zu einem Gartenfeste.

Dort wird getrunken und gelacht.

In vorgerückter Stunde

tanzt dann der Abend mit der Nacht

die kurze Ehrenrunde.

Am letzten Tische streiten sich

ein Heide und ein Frommer,

ob’s Wunder oder keine gibt.

Und nächstens wird es Sommer.